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Ich lächle im Treppenhaus und plane nebenbei den „aus Versehen“ fallengelassenen Biomüll: Treppenhausluft in Zäunehausen hat diese eigene Temperatur: abgestandene Fußmatte, Heizungsstaub und das feuchte Selbstbewusstsein von Leuten, die seit 1998 dieselbe Klingel polieren. Das ist keine Straße, das ist eine Siedlungshölle mit Briefkästen. Da stehen sie dann, die Biotonne mit Beinen, geschniegelt, geschniegelt, geschniegelt, und gucken so, als würden sie die DIN-Norm persönlich verwalten. Vorgarten-Gestapo mit Blumenkübel. Fensterhocker hinter Gardinen, die so oft bewegt wurden, dass der Stoff schon Lügenfalten hat. Und dann lächle ich. So ein schönes, sauberes „Guten Morgen“, als wäre ich ein Mensch. Während im Hinterkopf schon die kleine Einkaufsliste läuft: Biomüll, der „aus Versehen“ nicht ganz im Eimer landet. Nicht dramatisch. Kein Thriller. Nur so ein nasser Kaffeesatzklumpen am Rand, so eine matschige Bananenschale, die beim Aufprall diesen Ton macht: plopp. Das ist kein Angriff. Das ist Erziehung. In Carportistan versteht man nur zwei Sprachen: Ordnung und Geruch. Die Mechanik ist simpel und widerlich ehrlich: Biomüll ist in Suburbia Kotztal nicht Müll, Biomüll ist Status. Wer falsch trennt, ist moralisch obdachlos. Darum hängen die Zettel. Darum glotzen die Augen. Darum wird aus einer Apfelschale ein Nachbarschaftsprozess. Und ich stehe da wie ein Klingelwichser in Menschengestalt und weiß: Ein einziger falsch platzierter Joghurtdeckel kann eine Woche Gesprächsstoff liefern. Dorffest-Degeneration ist einmal im Jahr. Müll ist jeden Tag.
In Spießerhausen ist Biomüll kein Abfall, das ist ein Führungszeugnis: Man sieht das an den Mikrohandlungen, die keiner zugibt: Der Mülltrennfaschist drückt den Deckel extra langsam runter, als würde er eine Bombe entschärfen. Der Parklückenpächter stellt die Tonne millimetergenau, als hätte das Ordnungsamt eine Wasserwaage im Herzen. Der Heckenpädagoge hustet genau dann, wenn der Sack raschelt, damit jeder weiß: Es wird protokolliert. Und ich tue so, als wäre ich nur verkatert, dabei bin ich motiviert. Nicht gesund motiviert, eher wie ein Mann, der sich seine Macht aus den billigsten Quellen zieht. Dorf der Dummen hat diese heimliche Regel: Es darf nichts passieren, also muss man irgendwas finden, das passiert ist. Und Müll ist perfekt, weil Müll nicht zurückredet. Müll kann man anfassen, fotografieren, diskutieren. Müll ist der kleinste Krieg, den man führen kann, ohne dass Blut im Spiel ist. Ich brauche keinen Molotow, ich brauche eine Biomülltüte mit Loch. Am Ende bleibt nur dieser schöne Moment, wenn der Hausflur wieder nach „Ordnung“ riechen will, aber stattdessen nach dem, was wirklich da ist: feuchte Reste, warme Moral, und ein Lächeln, das zu lange hält.
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15 legale Arten, Nachbarn zu hassen, ohne Anzeige – mit Paragraph als Alibi
Das ist der Graubereich zwischen „menschlich widerlich“ und „juristisch leider erlaubt“. Alles lebt von Timing, Wiederholung und dem heiligen Satz: „Ist doch erlaubt.“. Und ja: das deutsche Nachbarrecht kennt diesen hässlichen Graubereich ziemlich gut.
- Sonntag, Punkt 7:00 Uhr Death Metal auf Anschlag – Fenster zu, Gewissen aus.
Der Bass läuft durch die Wand wie schlechtes Blutbild, der Gesang klingt wie eine Kreissäge im Höllenpraktikum. Nach zehn Minuten wieder aus. Dann um 7:30 nochmal.
§ 117 OWiG / Ruhezeiten: Ordnungswidrig erst bei unzulässigem Ausmaß. Kurz, hart, wieder aus = Graubereich. - Grill immer dann anwerfen, wenn der Nachbar mit dem Wäschekorb rauskommt.
Weißwäsche? Perfekt. Billige Marinade mit Rauchentwicklung? Noch besser. Kein Dauerfeuer, nur punktgenau.
§ 906 BGB: Rauch/Geruch sind zu dulden, solange sie ortsüblich und „unwesentlich“ bleiben. - Kettenrauchen am offenen Fenster, exakt auf Höhe des Kinderzimmers.
Zigarette an, Stützhusten, Handycheck, Zigarette aus. Fünf Minuten Pause. Wiederholen bis Sonnenuntergang.
§ 906 BGB: Rauch als Immission – nicht automatisch verboten, solange kein Dauerqualm. - Rasenmähen jeden einzelnen erlaubten Tag.
Nicht lang. Nicht laut. Aber konsequent. Montag bis Samstag. Immer nur ein Streifen, damit es sich lohnt, wiederzukommen.
32. BImSchV: Geräte sind außerhalb der Ruhezeiten erlaubt. „Zu oft“ ist kein Straftatbestand. - Gartenlampen die ganze Nacht an – „wegen Sicherheit“.
Lichtkegel direkt ins Schlafzimmer, kaltweiß wie ein Verhörraum. Auf Nachfrage: Angst vor Einbrechern. Immer.
§ 906 BGB: Licht ist hinzunehmen, solange es nicht wesentlich blendet. „Sicherheit“ zieht erstaunlich oft. - Windspiele aus Metall aufhängen, die bei JEDEM Luftzug klappern.
Kein Sturm nötig. Ein Atemzug reicht. Klingt wie Besteck im Trockner.
§ 906 BGB: Geräusche ja, erst Dauerterror wird angreifbar. - Treppenhaus wischen mit absurd viel Putzmittel.
Der Boden glänzt wie eine OP, der Geruch beißt in die Nebenhöhlen. Sauberkeit als chemische Machtdemonstration.
§ 906 BGB: Gerüche gelten als „ähnliche Einwirkungen“, oft zu dulden. - Musik so leise, dass niemand messen will – aber der Bass bleibt.
Kein Lied erkennbar, nur dieses dumpfe „Wumm“, das den Magen nervös macht.
§ 117 OWiG: Erst „vermeidbarer Lärm“ wird teuer. Subjektiver Hass zählt nicht. - Mülltonnen millimetergenau an die Grundstücksgrenze schieben.
Rechtlich korrekt. Praktisch ein Slalom für Kinderwagen, Rollatoren und Würde.
§ 1004 BGB: Anspruch erst bei rechtswidriger Beeinträchtigung. - Paketannahme als Machtspiel.
Pakete annehmen, freundlich lächeln, dann „ach so, ja, stand hier irgendwo“ – Übergabe erst abends im Schlafanzug.
Zivilrecht: Verzögerung ohne Schaden ist mies, aber selten einklagbar. - Frühmorgens Balkonmöbel rücken.
Nicht werfen. Schieben. Dieses langsame „schrrrrrk“, das keiner beweisen kann, aber alle hören.
§ 906 BGB: Alltagsgeräusche sind grundsätzlich hinzunehmen. - Kochen mit maximaler Geruchsausbeute.
Kohl, Fisch, Zwiebeln. Fenster auf Kipp. Regelmäßig. Nicht aus Wut – aus „Hunger“.
§ 906 BGB: Küchengerüche gelten oft als ortsüblich. - Hausordnung als tägliches Mikro-Verhör, morgens 6:55 Uhr.
Im Bademantel im Hausflur stehen, Zettel in Klarsichthülle, freundlich nicken und jeden ansprechen, der zu früh lebt. Nicht schreien. Nicht drohen. Nur vorlesen. Langsam. Absatz für Absatz. Beim Weggehen noch ein „Steht halt so drin“.
Keine Beleidigung, keine Nötigung, keine Drohung – bloß Hinweisen. - Auto warm laufen lassen von 6:30 bis 6:43 Uhr. Jeden Werktag.
Nicht länger. Nicht kürzer. Motor an, Zigarette, Handycheck, Motor aus. Abgase ziehen exakt in Richtung Schlafzimmer. Auf Nachfrage: „Der springt sonst schlecht an.“
Kurzzeitiges Warmlaufen kann zulässig sein, abhängig von Kommune, kein Automatismus zur Anzeige, wenn’s nicht exzessiv ist. - Handwerkssimulation von 7:00 bis 20:59 Uhr – exakt im erlaubten Rahmen.
Morgens um 7:00 ein Bohrloch. Abends um 20:59 noch eins. Dazwischen Hämmern, Schleppen, Schrauben, Umstellen. Nie nach 21 Uhr. Nie davor. Wie ein Uhrwerk aus Bosheit.
32. BImSchV + § 117 OWiG – außerhalb der Ruhezeiten grundsätzlich erlaubt. Zeiten sind Gesetz, Nerven sind Privatangelegenheit.
Grillgeruch um 22:01, und ich rufe gleich das Ordnungsamt
In Parzellistan beginnt das Feuer nicht im Grill, sondern im Kopf. Sobald irgendwo Fleisch brutzelt, wird aus jeder Gartenbank eine Bühne und aus jedem Nachbarn ein Hobby-Sheriff. Der Rauch zieht rüber wie eine Einladung, die niemand ausgesprochen hat. Und das Schlimmste ist: Es riecht gut. Genau das macht es so beleidigend. Glück ist hier keine Emotion, Glück ist eine Provokation mit Marinade. 22:01 ist die Uhrzeit, in der sich in der RTL-Vorstadt aus Menschen Gesetzestexte schälen. Nachtruhe ist kein Konzept, Nachtruhe ist ein Fetisch. Da sitzt der Heckenschreier, der tagsüber den Rasen traktiert wie ein Rasenmäher-SS, und abends plötzlich empfindlich wird, wenn irgendwo Gelächter kommt. Da stehen die Kinderwagen-Kartell-Leute, die tagsüber ihren Buggy quer stellen wie eine Straßensperre, und nachts dann „Rücksicht“ auf die Fahne schreiben, als würde Gott persönlich mitschneiden. Die Mechanik ist herrlich kleinlich: Lärm ist in dieser Hundekackestraße nicht laut, Lärm ist falsch getimt. Um 21:59 ist es „ach, ist doch noch früh“. Um 22:01 ist es ein Vergehen. Das Ordnungsamt ist hier kein Amt, es ist ein Gefühl. Ein Anruf ist wie eine kalte Dusche fürs Ego der anderen. Nicht weil es nötig wäre. Sondern weil es möglich ist.
Nachtruhe ist die einzige Religion, die wirklich funktioniert, weil sie Angst macht: Ich stelle mir das immer wie ein Naturfilm vor: Das Männchen in Spießerhausen bläht sich auf, weil es einen Paragraphen gefunden hat. Ein Lichtspaltspanner lugt, ob die Flammen noch sichtbar sind. Ein Hofspion geht „nur kurz“ raus, um „Müll“ zu bringen, und hört nebenbei mit. Und ich stehe innerlich schon mit dem Telefon in der Hand, nicht wie ein Held, eher wie ein beleidigter Knecht, der endlich ein Werkzeug hat. Es geht dabei nie um Schlaf. Schlaf kriegt hier keiner ordentlich hin, schon wegen der Lebensentscheidungen. Es geht um Kontrolle. Um das Recht, anderen den Abend zu verkürzen. In Gartenzwerg-Alcatraz ist das die letzte Form von Macht: jemandem den Spaß abdrehen und dabei offiziell „im Recht“ sein. Man kann sogar freundlich bleiben. Das ist das Beste. Ein sachliches „Guten Abend, hier ist…“ und im Hintergrund dieser Geruch, dieses Lachen, dieses „wir haben ein Leben“. Das macht den Finger am Wahlknopf ganz leicht. Und wenn es dann still wird, nicht plötzlich, sondern so widerwillig — dann riecht die Luft kurz nach Sieg.
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Zettel in Fraktur, „Rücksicht nehmen“ heißt eigentlich „Ich hasse euch“
Der Hausflur in Spießerhausen riecht nach nassem Hund, billigem Waschpulver und dieser schlaffen Autorität, die aus Laminierfolie wächst. Da hängt er wieder, der Zettel. Fraktur-Schrift, als wäre der Treppenaufgang eine Gerichtsverhandlung mit Fußmatte. „Rücksicht nehmen“. Darunter drei Ausrufezeichen, weil ein Ausrufezeichen hier nur ein Vorschlag ist. Und irgendein Klingelwichser hat das Ding so hoch gehängt, dass man es beim Schuhe ausziehen zwangsläufig lesen muss. Das ist kein Hinweis. Das ist ein Halsband. Die Nachbarn sind im Reihenhausghetto keine Menschen, das sind Rollen: Hofspion, Fensterhocker, Parklückenpächter. Die grüßen nicht, die scannen. Ein Blick auf den Briefkasten, ein Blick auf die Schuhe, ein Blick auf den Müllkalender. Sobald irgendwo Glück aufblitzt, setzt sofort die Gegenwehr ein. Nicht offen. Feige, sauber, mit Tesa. Das Zettelwesen lebt davon, dass keiner unterschreibt. Jeder weiß, wer es war, aber keiner gibt dem Hass einen Namen. Anonymität ist der Deodorant-Stick der Siedlungshölle. Und ich stehe da, Bieratem im Kiefer, lächle so nett, dass es fast knallt, und lese den Text wie ein Gebet. „Bitte die Haustür leise schließen.“ Als ob hier irgendwas leise passiert. Im Dorf der Dummen werden Türen geknallt, Beziehungen geknallt, Rasenmäher angeschmissen wie Kriegshörner. Und dann kommen sie mit „leise“. Leise heißt: Die falschen Leute sollen still sein. Leise heißt: Die richtigen Leute dürfen weiter nerven, nur mit gutem Gewissen.
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Ein Zettel ist kein Hinweis, das ist eine feige Vorladung ohne Unterschrift: Die handfeste Wahrheit dahinter ist billig und effektiv: Ein Zettel kostet nichts, wirkt aber wie eine Abmahnung aus dem Nichts. Keine direkte Konfrontation, kein echtes Risiko, keine Zeugen. Der Hausflur wird zur Kommentarspalte. Wer den ersten Zettel hängt, setzt den Ton. Danach hängt jeder zweite. Erst „Rücksicht“, dann „Brandschutz“, dann „wegen Geruch“, dann „wegen Sicherheit“. Und am Ende ist der Flur voller Papier, aber keiner hat jemals ein Gespräch geführt, das länger als zwei Sekunden war. Das ist die Dorfkaufhalle-Logik, nur in Laminat. Da wird auch nicht gesagt „Ich will nicht, dass du hier bist“. Da wird gesagt „Dieser Gang ist für Kassenkunden“. Es ist immer offiziell. Immer sauber. Immer so, dass man sich wie ein Verbrecher fühlt, ohne dass jemand „Verbrecher“ sagen muss. Ich nehme den Zettel nicht ab. Das wäre zu ehrlich, zu aktiv, zu viel Bewegung. Der hängt da und arbeitet für mich. Jeder, der ihn liest, wird kurz hässlich im Gesicht. Und Hässlichkeit ist hier die einzige Form von Gemeinschaft. Suburbia Kotztal macht keine Freundschaften. Suburbia Kotztal macht Fronten.
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Ich stelle meinen Müll immer exakt neben die Tonne
Die Tonne steht da, groß, schwarz, offiziell. Und daneben der Sack. Genau daneben. Nicht halb rein, nicht schief, nicht aus Versehen. Exakt wie eine Entscheidung. Der Mülltrennfaschist sieht das und bekommt sofort diesen kurzen Zuckerschmerz im Auge, als hätte jemand seine Religion angefasst. Die Biotonne mit Beinen wird rot im Hals, ohne dass ein Wort fällt. Der Heckenpädagoge dreht sich dreimal um die Achse, weil im Kopf gerade ein Formular aufpoppt, das man ausfüllen möchte. Müll in Carportistan ist keine Entsorgung. Müll ist Kommunikation. Ein Sack an der falschen Stelle sagt: „Ich war hier. Ich hab keinen Bock. Mach was draus.“ Und der Sack ist immer so gepackt, dass er gerade noch „geht“. Nicht platzen. Nicht tropfen. Nur diese leichte Spannung, dieses leise Knistern, das bei Wärme schneller nachgibt. Genau das ist die Kunst. Böse sein, ohne sich schmutzig zu machen. Die Straße ist Hundescheiß-Korridor, der Gehweg ist kaputtgetreten, und alle tun so, als wäre Ordnung der einzige Grund, warum es noch nicht komplett brennt. Dabei ist Ordnung hier nur ein Hobby, so wie Schützenfest-Komasaufen. Man braucht etwas, das man ernst nehmen kann, weil das eigene Leben sonst zu sehr nach Pissrinne der Nacht riecht.
Neben der Tonne ist der perfekte Ort: nah genug für das Gewissen, weit genug für die Verantwortung: Die Mechanik ist simpel: Wer den Müll neben die Tonne stellt, verlagert Arbeit. Kein großes Drama, nur ein kleiner Arbeitsauftrag an die Gemeinschaft, aufgeteilt auf die Leute, die sich am meisten für zuständig halten. Der Hausmeister hebt’s irgendwann auf. Der Hobby-Sheriff fotografiert es vorher. Der Fensterhocker erzählt es weiter. Aus einem Sack wird ein Ereignis. In Zäunehausen sind Ereignisse selten, also werden sie gezüchtet. Und das Beste ist: Der Sack ist nicht „falsch“. Der Sack ist nur „nicht richtig“. Das ist die Zone, in der Spießerhausen lebt. Da kann man sich empören, ohne dass man wirklich einen Grund braucht. Da kann man drohen, ohne dass man handeln muss. Da kann man nachts vom Balkon runterflüstern: „Unmöglich.“ Und sich dabei fühlen wie ein Richter. Ich stelle den Sack hin, gehe rein, lasse den Hausflur arbeiten. Der Müll bleibt draußen, der Ärger geht rein. Genau so soll’s sein. Dorffest-Degeneration ist einmal im Jahr. Müll ist jeden Tag. Und jeden Tag reicht ein Sack, um aus Leuten wieder Tiere zu machen, nur mit besseren Jacken.
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Am liebsten Lüfte ich meine Schuhe im Treppenhaus – Scheiß Fußschweiß
Treppenhaus in Zäunehausen hat diese Akustik wie ein Beichtstuhl aus PVC. Jeder Schritt klingt nach Urteil. Und dann hänge ich da meinen Schuhgestank rein, als wäre das ein Duftbaum. Nicht aus Versehen. Als Signal. In Gartenzwerg-Alcatraz braucht jede Familie eine Flagge. Manche haben Lavendel im Vorgarten. Ich habe nasse Socken und die Pissrinne der Nacht noch im Leder. Die Biotonne mit Beinen vom zweiten Stock lächelt so, als hätte sie eine Ausbildung zur Ordnung. Fensterhocker schauen durch Gardinen, als wären das Zielfernrohre. Der Mülltrennfaschist atmet extra laut ein, wenn die Tür aufgeht, damit das Dorf der Dummen merkt: Hier wird registriert. Und dann kommt mein Fußschweiß. Warm. Schwer. Ehrlich. Der Geruch, den man sonst nur im Schützenfest-Komasaufen auf dem Klo findet, wenn einer „kurz mal“ die Schuhe auszieht und alle danach sterben wollen. Die beste Stelle ist oben am Geländer, da bleibt es stehen. Steigt nicht ab, setzt sich fest. Suburbia Kotztal kriegt dann plötzlich eine zweite Ebene: Kackfassade oben, Fußhölle unten. Die Heckenpädagogen reden tagsüber über „Frischluft“ und „Gesundheit“ und abends riecht ihr Flur nach meinem Wochenmarkt-Abzocke-Schweiß. Das ist keine Gewalt. Das ist Nachbarschaftserziehung mit Körperflüssigkeits-Aroma. Und natürlich verliere ich dabei immer. Erst schwitze ich mich selbst an. Dann vergesse ich die Schuhe. Dann trete ich morgens in meinen eigenen Mief und starte den Tag schon wie ein Klingelwichser, der sich selber verachtet.
In Spießerhausen gewinnt nicht der Saubere, sondern der, der den Gestank am längsten aushält: Wenn die Tür aufgeht, kommt das kleine Theater. Der Hobby-Sheriff räuspert sich. Der Hofspion macht den Briefkasten zweimal auf, nur um „zufällig“ da zu sein. Der Riechabstandverletzer zieht die Nase hoch, als würde er einen Chemieunfall melden, und sagt dann dieses „Na, war sportlich?“ mit der Stimme von jemandem, der seit zwanzig Jahren keinen Puls über 98 gesehen hat. Und ich mache den dummstolzen Teil. Lächeln. Schulter zucken. „Jo.“ Keine Begründung. Kein Sorry. In Reihenhausghetto reicht ein Wort und ein Geruch, um drei WhatsApp-Gruppen zu füttern. Die Leute lieben das. Die brauchen das. Dorffest-Degeneration ist selten, aber Treppenhausklatsch ist Grundversorgung. Der Heckenschreier erzählt es dann im Garten über drei Zäune hinweg, als wäre es eine Naturkatastrophe. Der Parklückenpächter nickt, als hätte er es immer gewusst. Der Lichtspaltspanner schaltet abends das Flurlicht an und aus, weil er denkt, Licht hilft gegen Geruch. Tut es nicht. Es hilft nur gegen Denken. Und ich stehe in Carportistan wie ein Held der falschen Disziplin, der seine eigene Höhle verpestet, nur damit andere kurz das Gesicht verziehen. Am Ende riecht es überall. Auch in meiner Jacke. Auch in meiner Wohnung. Es zieht rein, weil das Treppenhaus keine Grenze kennt. Es ist ein gemeinsamer Darm. Und ich habe reingefurzt und tue so, als wäre es Wetter.
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Glühbirnen aus dem Treppenhaus klauen – nicht alle, aber auf allen anderen Etagen
In Parzellistan ist Licht kein Luxus, Licht ist Ordnung. Licht heißt: Kontrolle. Wer im Treppenhaus hell macht, will gesehen werden. Wer im Treppenhaus dunkel macht, will, dass alle kurz nervös werden. Das ist die Dorfkaufhalle-Version von Machtpolitik. Keine großen Reden, nur ein Klick weniger Helligkeit und plötzlich läuft jeder wie ein Sonntagslatscher mit angezogener Arschbacke. Es fängt klein an. Ein Abend, an dem das Licht flackert, und keiner weiß, ob’s kaputt ist oder ob jemand spielt. Fensterhocker gucken sofort. Hofspione zählen Lampen wie andere Leute Kalorien. Und ich denke mir: Nicht alle. Nie alle. Das wäre zu sauber, zu eindeutig. In Spießerhausen muss Bosheit plausibel sein. Eine Etage dunkel, die andere hell. Damit der Vorgarten-Gestapo der Kopf anfängt zu arbeiten. Damit aus einem Leuchtmittel eine Gerichtsverhandlung wird. Damit die Leute sich gegenseitig verdächtigen und keiner weiß, ob er gerade Opfer oder einfach nur dumm ist. Der Witz ist: Ich verliere dabei immer. Nicht moralisch, das ist längst vorbei. Ich verliere praktisch. Weil ich selbst nachts besoffen durch den Hundescheiß-Korridor stolpere und im Dunkeln die falsche Stufe treffe. Weil ich dann da stehe, fluchend, und kurz langtaste wie ein Depp, der sein eigenes System nicht mehr versteht. Reihenhausghetto macht aus jedem Saboteur irgendwann einen, der sich selber ins Knie schießt.
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Dunkelheit ist gratis, aber sie kostet sofort Nerven: Am nächsten Tag ist der Aushang da. Laminierter Zorn. Drei Ausrufezeichen. „Unbekannte Person.“ Immer „unbekannt“. Als wäre das hier CSI: Kackfassade. Der Mülltrennfaschist schreibt „Anzeige“. Der Hobby-Sheriff schreibt „Polizei“. Der Kinderwagen-Kartell-Typ schreibt „Denkt doch an die Kinder“ und schiebt sein Ding trotzdem quer vor die Tür. Der Heckenpädagoge sagt „Sicherheit“ und meint „Ich will wieder die Oberaufsicht“. Und ich sitze drin, höre draußen die Stimmen, und spüre dieses warme, dumme Glück. Nicht, weil jemand leidet. Sondern weil die ganze Siedlungshölle kurz zeigt, wie sie funktioniert: Alle sind sauber, alle sind korrekt, alle sind verantwortlich, bis ein bisschen Dunkelheit kommt. Dann werden sie zu Gerüchtefressern. Wochenmarkt-Abzocke im Kopf, Stadtfest-Saufstall im Herzen. Jeder verdächtigt jeden, weil niemand erträgt, dass es einfach nur Zufall sein könnte. Später gehe ich selber raus, brauche was aus dem Keller, stehe im Dunkeln und fluche, weil ich meine eigene Hand nicht sehe. Der Körper merkt schnell, wer hier der größere Bastard ist. Ich taste mich wie ein Parklückenpächter an der Wand entlang, trete in irgendwas Feuchtes, und es riecht schon wieder nach Treppenhaus. Unten brennt das Licht. Oben nicht. Und irgendwo lacht keiner. Es ist nur still.
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Pakete annehmen und tagelang im Flur stehen lassen, dann ab in die Mülltonne damit. Lass mich nicht zum Butler machen.
Der Paketbote klingelt in Spießerhausen nicht, der hämmert. Als würde hinter der Tür ein Tresor liegen und nicht ein Mensch mit Schlafanzug und Bieratem. Und natürlich drückt er mir das Ding in die Hand, ohne Blickkontakt, mit diesem Scanner-Piep, der klingt wie ein Vertrag, den keiner gelesen hat. Ab dann bin ich offiziell der Butler vom Reihenhausghetto. Unbezahlt. Ungefragt. Mit Haftung im Nacken. Das Paket steht dann im Flur wie ein stiller Vorwurf. Ein rechteckiges „Kümmer dich“. In der Siedlungshölle riecht der Hausflur nach Fußmatte, billiger Weichspüler-Religion und dem warmen Atem von Fensterhockern. Der Hofspion läuft dreimal vorbei, als wäre das Paket ein Kunstwerk. Der Parklückenpächter bleibt stehen und tut so, als würde er nur die Schuhe binden. Der Mülltrennfaschist hört den Karton knistern und bekommt Herzrasen, weil Karton eigentlich in den Keller gehört, nicht ins Sichtfeld der Vorgarten-Gestapo. Und ich? Ich habe sofort diese dumme, warme Idee im Kopf: „Wenn’s nervt, wird’s entsorgt.“ Nicht dramatisch. Einfach weg. Einmal Deckel auf, einmal rein, Deckel zu. Ordnung wiederhergestellt. Dorf der Dummen beruhigt. Der Gedanke ist so sauber, dass er schon wieder eklig ist. Dann kommt die Realität: Die Nachbarin mit dem Lichtspaltspanner-Blick steht plötzlich da, geschniegelt wie ein Grabstein, und sagt nichts außer diesem kurzen „Ah“. Kein Danke. Nur Anspruch. Als wäre der Flur ihre Paketstation und ich die kaputte App.
Pakete sind kein Service, Pakete sind eine Nachbarschafts-Fesseln mit Unterschrift: Das Piep vom Scanner ist nicht Geräusch, das ist Beweis. Ab da hängt der Mist an einem Namen, an einer Uhrzeit, an einer Unterschrift, die aussieht wie ein Schlaganfall. Genau deshalb machen die Zusteller das so: Zeit sparen, Verantwortung abladen, nächster Klingelwichser. Und genau deshalb lieben es die Nachbarn: Man kann Arbeit outsourcen, ohne sich dabei wie ein Arsch zu fühlen. Man muss nur so tun, als wäre das „Gemeinschaft“. Im Flur wird das Paket zum sozialen Sprengsatz. Der Heckenschreier flüstert schon „Die nimmt immer alles an, die hat Zeit“, und der Brüllspießer denkt „Die lässt bestimmt reinschauen“. Jeder hat sofort eine Theorie, weil Spießerhausen sonst nichts erlebt außer Dorffest-Degeneration und Hundescheiß-Korridor. Der Karton ist Event. Am Ende verliere ich natürlich. Nicht heroisch, sondern peinlich. Das Paket steht drei Tage da, ich vergesse es, der Hausmeister stolpert drüber, und plötzlich bin ich der Depp, der „den Flur zustellt“. Der Typ, der Ordnung zerstört hat, weil er freundlich sein wollte. Und dann kommt die Nachbarin, schnappt sich ihr Ding, guckt mich an wie eine Kackfassade und verschwindet. Kein Danke. Nur der Geruch von Pappe und Machtverschiebung bleibt stehen.
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Strom aus dem Gemeinschaftskeller klauen, um Mitternacht das Regal anzuboren
Nachts in Carportistan ist die Pissrinne der Nacht still, aber die Häuser sind wach. Nicht mit Leben, eher mit Misstrauen. Hinter jeder Gardine klebt ein Auge wie eine schlecht bezahlte Überwachungskamera. Und genau dann kommt diese Idee, die sich anfühlt wie schlauer als man selbst: Im Gemeinschaftskeller hängt überall Strom rum, als wäre er kostenloser Sauerstoff. Da unten summt die Infrastruktur, warm und anonym, und die Leute oben glauben, das sei „einfach da“. Das Regal steht schief, seit Wochen. Es lehnt wie ein betrunkenes Versprechen an der Wand. Tagsüber wird nichts gemacht, weil tagsüber jemand gucken könnte. Nachts ist man plötzlich Handwerker. Nachts ist man plötzlich Erziehungsminister von Zäunehausen. Man schleicht runter mit Werkzeug, das zu laut ist, mit Schritten, die zu ehrlich klingen. Der Flur hat dieses Echo, das jeden Plan verrät. Jeder Tritt macht einen kleinen Beichtstuhl aus Beton. Und dann dieser Moment am Sicherungskasten: Alles wirkt wichtig, obwohl es nur Plastik und Dreck ist. Man fasst Sachen an, die man eigentlich nicht anfassen sollte, und redet sich ein, man hätte Ahnung. Der Ego-Profit ist riesig: „Ich zahl doch nicht für Strom, wenn die da unten so verschwenderisch rumleuchten.“ Gleichzeitig schwitzt man wie ein Idiot, weil man weiß: Wenn jetzt der FI fliegt, wacht das ganze Reihenhausghetto auf und steht im Treppenhaus wie ein Rudel Hobby-Sheriffs auf Koffein.
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Gemeinschaftsstrom ist der heilige Kelch der Kleinkriminellen, bis das Licht ausgeht und alle plötzlich wach sind: Das System ist nicht dumm, es ist nur billig: Ein Allgemeinzähler, ein paar Leitungen, und jeder denkt, das sei „für alle“. Genau das macht’s so giftig. Sobald irgendwo das Licht flackert, wird aus dem Hofspion ein Ermittler. Sobald irgendwo eine Sicherung rausfliegt, wird aus dem Mülltrennfaschist ein Elektriker. Dann stehen sie da in Unterhosen und Ernst, mit Handylicht und dieser Stimme: „Hier stimmt was nicht.“ Und natürlich ist Mitternacht nicht der Moment, in dem man präzise bohrt. Mitternacht ist der Moment, in dem man abrutscht, weil die Hand klebt, weil das Bier noch im Blut arbeitet, weil die Schraube sich anfühlt wie ein Feind. Das Regal wird nicht gerade. Das Regal wird ein Mahnmal. Ein Loch schief, zwei Löcher zu nah, Staub überall, und dann dieser kurze, hässliche Augenblick: Stille. Kein Summen mehr. Keine Kellerlampe. Nur das Geräusch von oben, wie irgendwo jemand aufsteht. Schritte. Türen. Dieses kollektive „Was war das?“. Am Ende verliere ich wieder. Nicht, weil ich ein Gewissen hätte. Sondern weil das Haus schneller ist als mein Plan. Weil Spießerhausen nicht schlau ist, aber empfindlich. Und weil man im Dunkeln zwar viel träumt, aber wenig sauber hinkriegt. Unten bleibt ein schiefes Regal, oben bleibt eine Nachbarschaft, die jetzt endgültig weiß: Da unten läuft ein Idiot rum, der sich für schlau hält.
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Treppenhaus wischen mit so viel Meister Propper, dass es zur Rutschbahn wird
Der Flur in der Siedlungshölle ist morgens am ehrlichsten. Kalter Stein, feuchte Sockenspuren, irgendwo ein alter Frittiergeruch, der seit Weihnachten in der Wand wohnt. Und dann diese Leute. Biotonne mit Beinen, geschniegelt, geschniegelt, geschniegelt. Vorgarten-Gestapo in Hausschuhen. Fensterhocker, die schon am Atem erkennen wollen, ob heute gesoffen wurde. Alles guckt, alles bewertet, alles tut so, als wäre es „Gemeinschaft“. Und dann wird gewischt. Nicht aus Anstand. Aus Haltung. Das Putzen hier ist kein Putzen. Das ist ein offizielles Statement: „Seht her, ich bin der bessere Mensch, ich hab einen Eimer.“ Meister Propper ist dabei das Weihwasser von Spießerhausen. Wenn der Deckel aufploppt, riecht’s nach falscher Reinheit und nach dem Wunsch, dass andere sich schämen. Genau da setzt die Faulheit an, die sich für Genialität hält: Es wird nicht sauber gewischt. Es wird dramatisch gewischt. Viel zu nass. Viel zu glatt. So ein Flur, der aussieht wie frisch geleckte Kackfassade, aber glänzt wie eine Lüge. Das Schöne: Keiner kann was sagen. Wer meckert, meckert über Sauberkeit. Das ist wie auf dem Schützenfest-Komasaufen Wasser bestellen und dann über die Musik heulen. Der Flur wird still. Nur das Schmatzen vom Mop. Der Hofspion guckt. Der Mülltrennfaschist nickt anerkennend. Und die ganze Zeit läuft im Kopf diese kleine Stimme: Wenn etwas nervt, wird es mit Engagement falsch gemacht.
Sauberkeit ist in Zäunehausen nur ein Trick, damit alle mit schlechtem Gewissen laufen: Nach zehn Minuten ist der Flur klinisch geschniegelt und gleichzeitig irgendwie feindlich. Man merkt das an den Mikro-Dingen: Die ersten Schritte werden kürzer. Die Hand geht instinktiv ans Geländer. Der Parklückenpächter stellt die Füße so breit, als würde er auf Eis angeln. Der Sonntagslatscher schiebt die Pantoffeln über den Boden wie ein müder Eishockeyspieler. Keiner sagt’s laut, aber jeder weiß: Hier war wieder einer, der „es gut meint“. Das ist die Mechanik von Reihenhausghetto: Offiziell will jeder Frieden. Praktisch will jeder ein kleines Machtgebiet. Putzen ist Macht, weil es Regeln schafft. Wer wischt, darf erwarten. Wer erwarten darf, darf gucken. Wer guckt, darf später lästern. Und das Lästern ist der eigentliche Ortskern von Dorf der Dummen, viel mehr als die Dorfkaufhalle. Am Ende steht das Ergebnis wie eine Visitenkarte: ein Flur, der nach Chemie riecht und nach dem Traum, die anderen müssten dankbar sein. Und wenn irgendwo ein Fuß kurz rutscht, ein kleines „Uff“ kommt, dann ist das keine Gefahr, das ist ein winziger Beweis, dass die Welt noch reagieren kann. Danach wird wieder normal gelaufen, geschniegelt wie immer, als wäre nichts gewesen. So bleibt es: sauber, glatt, und die Stimmung klebt trotzdem.
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Pissrinne der Nacht
Nachts hat die Hundekackestraße ein eigenes Geräusch. Kein richtiger Lärm, eher dieses dumpfe Summen aus Heizungen, Fernsehflimmern und dem leisen Stolz, dass morgen wieder jemand die Mülltonnen falsch hinstellt. Die Luft hängt schwer über Suburbia Kotztal. Ein bisschen Bier, ein bisschen Bratfett, ein bisschen nasser Hund. Und dann läuft einer durch die Pissrinne der Nacht und tut so, als wäre er nur „noch mal kurz raus“. Jeder kennt diese Art Mensch. Jeder war schon mal diese Art Mensch. Keiner gibt’s zu. Auf dem Gehweg, dem Hundescheiß-Korridor, liegen die kleinen Fallen, die keiner gelegt hat und doch alle kennen: eine Leine quer, ein E-Scooter halb im Weg, ein Kinderwagen irgendwo abgestellt wie ein Denkmal für Überforderung. Das Kinderwagen-Kartell schläft nie, es parkt nur. Und über allem schweben diese Blickfenster. Lichtspaltspanner hinter Gardinen, die so tun, als wäre das zufällig. Hofspion mit einem „ich hab nur gelüftet“-Gesicht, obwohl draußen Minusgrade sind. Jeder kann nachts sofort wach werden, wenn es etwas zu beobachten gibt. Schlaf ist optional. Kontrolle ist Pflicht. Die Dorfkaufhalle ist schon zu, aber das Dorf ist offen. Stadtfest-Saufstall ist einmal im Jahr. Hier ist es jeden Abend. Und irgendwo im Dunkeln steht ein Hobby-Sheriff und lauscht, ob Schritte gerade sind. Gerade Schritte bedeuten „anständig“. Wackelige Schritte bedeuten „Gesprächsstoff“.
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In Parzellistan ist jeder Heimweg ein Protokoll, nur ohne Unterschrift: Es reicht ein einziges Geräusch und die Nachbarschaft baut sich im Kopf einen Film. Ein Türschloss klickt. Ein Schlüssel kratzt zweimal daneben. Ein kurzes Würgen, weil die Lunge noch vom Schützenfest-Komasaufen beleidigt ist. Schon hat der Heckenschreier morgen eine Geschichte: „Der war wieder unterwegs.“ Als ob „unterwegs“ ein Verbrechen wäre. In Gartenzwerg-Alcatraz gilt: Wer Spaß hatte, muss zahlen. Nicht mit Geld. Mit Ruf. Und das Beste: Der Ärger ist billig. Man muss nichts tun. Man muss nur denken. Man denkt sich groß. Man denkt sich wichtig. Man denkt sich im Recht. So funktioniert Spießerhausen: Jeder ist Richter, keiner ist sauber. Tagsüber wird gegrüßt wie im Werbeprospekt, nachts wird gehasst wie im Kommentarbereich. Wenn der Heimweg vorbei ist, steht man kurz am eigenen Gartenzaun und hört die Straße atmen. Da liegt wieder irgendwo eine Hundewurst, die morgen alle „unmöglich“ finden. Da wird wieder irgendwo ein Auto zu nah am Bordstein stehen, als wäre das ein Anschlag. Und im Fenster flackert ein Fernseher, Sat1 läuft bestimmt, weil Darwin irgendwo gerade wieder laut lacht.
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Nachbarn, bei denen man sofort weiß: Das wird nichts mehr
Kurzer Steckbrief aus meiner Siedlungshölle. Wer das ist, was er tut, was man ihm verbal vor die Füße kippen kann, ohne gleich zum Sozialfall zu werden.
Der Typ ohne Frau, aber ständig mit Katze im Arm
Der läuft rum, als wäre das Tier sein emotionaler Airbag. Redet mit der Katze anders als mit Menschen. Streichelt sie im Treppenhaus, während er dich ignoriert, als wärst du eine Rechnung.
„Krass, dass sie bei dir bleibt, obwohl du so redest wie jemand, der übt, allein zu bleiben.“
Die Alte, die immer am Fenster steht
Gardine auf Kipp. Kopf leicht schief. Bewegung im Augenwinkel. Fernglas vermutlich griffbereit neben dem Aschenbecher. Weiß alles, fragt nichts, erfindet den Rest.
„Wenn das Fenster zu ist, existierst du dann noch?“
Der freundlich Grüßende mit dem Atem aus der Hölle
Lächelt. Immer. Grüßt überfreundlich. Kommt einen Schritt zu nah. Der Atem riecht nach Zahnarztverweigerung und Lebensaufgabe.
„Du bist echt nett. Aber lutsch mal das Bonbon.“
Der Mann, der jeden Tag im Trainingsanzug rumläuft, aber nie trainiert
Immer geschniegelt. Nie geschwitzt. Schuhe neu, Körper alt. Joggt nur gedanklich, meistens Richtung Bier.
„Respekt, wie konsequent du das Outfit durchziehst.“
Die Mutter, deren Kinder immer genau da stehen, wo man gehen will
Kinderwagen quer. Spielzeug überall. Blick sagt: Das hier ist jetzt mein Gebiet.
Die Kinder sind süß. Die Kinderwagen-Parktechnik aber nicht.
Der Rentner mit zu viel Zeit und zu wenig Inhalt
Rasen ist Religion. Ruhezeiten sind sein Testament. Lebt davon, andere auf Fehler hinzuweisen, die keiner bemerkt hat.
Du klingst, als wärst du früher wichtig gewesen.
Die Frau mit Kittelschürze, die sich immer genau dann bückt, wenn man vorbeigeht
Straße fegen, Blumentopf richten, Schuh binden – alles auf Hüfthöhe. Nicht sexy, nur unangenehm bewusst.
Du weißt schon, dass hier keine Kamera läuft?
Der Typ mit Dauerbesuch, der aber nie grüßt
Immer andere Schuhe vor der Tür. Immer andere Stimmen. Aber ein „Hallo“ scheint vergriffen.
Krass, wie viele Leute dich finden, obwohl man dich nicht kennt.
Der Homeoffice-Mensch, der immer telefoniert
Balkontür offen. Headset auf. Wichtige Wörter in die Siedlung geblasen. Produktiv klingt anders, lauter aber nicht.
Wenn das wichtig wäre, müsstest du es nicht rufen.
Der Frühbesoffene, der mittags schon weiß, wie der Abend endet
Dose um elf. Flasche um zwei. Diskussionen ab vier. Abends dann plötzlich philosophisch.
Du bist kein Original. Du bist ein Zeitplan.
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